Stühlingen


Das Siedlungsgebiet um Stühlingen im mittleren Wutachtal war in prähistorischen Zeiten ein reger
Brückenkopf zwischen Schwäbischer Alb und Schweizer Jura. Es ist von daher folgerichtig, daß die
Römer mit Juliomagus im benachbarten schweizerischen Schleitheim eine einflußreiche Kleinstadt
gegründet haben. Einer der vielen römischen Gutshöfe rund um Juliomagus war direkt in
Stühlingen beim Mühlebach, nahe der heutigen Ortsmitte situiert. Die Römerzeit in Stühlingen geht
chronologisch fast nahtlos in das frühe Mittelalter über, das erst von den Alamannen, später durch
das Merowingergeschlecht geprägt war. „Alpgau“ hieß die politische Landschaftseinheit, dessen
Mittelpunkt Stühlingen wurde. Erste Ortsnamen wie Schwaningen tauchen bereits für das 8. Jh.
nach Chr. auf – in einer typische Lehensurkunde, die bezeugt, dass erste Familienclans sich in die
schützende Obhut eines Klosters wie St. Gallen begaben. Den Ortsnamen Stühlingen kennen wir
erst aus dem 11. Jahrhundert. Im Jahr 1252 gelangte der Ort mit Umgebung in den Besitz der
Herren von Lupfen und erhielt 1262 das Stadtrecht verliehen. Damit begann eine über 300jährige
Herrschaft der Grafen von Lupfen in Stühlingen. Im 14. Jh. waren die Lupfener bereits treue
Parteigänger in habsburgischen Diensten. Ihren politischen Höhepunkt erreichte das Geschlecht
unter Hans I. von Lupfen, der in die Führungsschicht des südwestdeutschen Adels aufstieg. Durch
Heiratspolitik erlangte er bedeutende Güter im Elsaß und Südtirol. Er starb 1436. Im Jahr 1524
brach in Stühlingen der Bauernkrieg aus, der weite Teile Mitteleuropas in Unruhe versetzte. Am 26.
Dezember 1582 verschied mit Graf Heinrich VI. der letzte Sproß aus dem Hause Lupfen-
Stühlingen. Lange stritten verschiedene Adelsparteien um das Erbe Stühlingen, bis es schließlich an
die Erbmarschälle zu Pappenheim ging. Nach dem Soldatentod von Maximilian im Dreißigjährigen
Krieg im Jahr 1639 fiel Stühlingen unter fürstenbergische Herrschaft. In Eberfingen war seit 1624
eine Eisenschmelze in Betrieb, was den Fürstenberger neben Einkünften aus der Landwirtschaft
eine frühkapitalistische Rendite bis zum Jahr 1761 einbrachte. Holzmangel bedingte das Ende der
Eisenverhüttung

Das Jahr 1806 markierte für Stühlingen und seine Ortsteile eine einschneidende
Wende. Denn die Leibeigenschaft wurde aufgehoben. Durch die Säkularistion verlor das Kloster St.
Blasien, das großen Besitz in Bettmaringen, Blumegg, Grimmelshofen, Lausheim, Wangen und
kleineren in Schwaningen und Weizen hatte, allen Einfluß auf Stühlinger Gemarkung. Stühlingen
selber mit Eberfingen und Mauchen wurden frei von fürstenbergischer Herrschaft. Das Land fiel an
den badischen Staat und die Neuverteilung des Bodens, die sich mancherorts wie in Lausheim oder
Blumegg über 50 Jahre hinzog, begründete hiesigen Privatbesitz. Unter badischer Herrschaft wurde
Stühlingen florierendes Amtsstädtchen und hatte vor dem 1. Weltkrieg zusammen mit Bonndorf
Bedeutung als touristische Sommerfrische. Durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes gegen Ende des
19. Jhs. hoffte Stühlingen, sich als Knotenpunkt im Reiseverkehr zwischen Nord und Süd zu
etablieren. Das geologische Umfeld zeigte sich allerdings zu kompliziert für schnelles Reisen.
Einzig die Sauschwänzlebahn, deren Streckenführung aus strategischen Gründen auf deutscher
Seite in Grimmelshofen begann und in Blumberg endete, zeugt noch von der einstigen
eisenbahnzeitlichen Blüte. Bis in die 1970er Jahre hinein war Stühlingens Durchgangsstraße durch
kleine und mittlere Handwerks-, Handels-, Dienstleistungs- und Gewerbebetriebe geprägt, die
Landwirtschaft in vielfältiger Hand. In Weizen entpuppte sich die Firma Stotmeister allmählich als
Global Player, aber auch die alt eingesessene mittelständische Zwirnerei an der Wutach entwickelte
sich auf dem Weltmarkt. Durch die Gemeinderefom in den Jahren 1973 bis 1975 verloren die
Ortsteile ihre Eigenständigkeit. Stühlingen wurde mit einer Gemarkungsfläche von 9.323 ha die
größte Flächengemeinde des Landkreises Waldshut. Daher rühren die steten infrastrukturellen
Herausforderungen. Kindergarten und Realschule haben sich mit ihren Neubauten vergrößert und
gefestigt, das Loreto-Krankenhaus und die Hans-Carossa-Klinik haben sich als Standort behauptet.
Schloß Hohenlupfen, das vielen als Wahrzeichen Stühlingens galt, ist heute in privater Schweizer
Hand. Die historische Altstadt, das sogenannte Städtle, hat aus denkmalpflegerischer Sicht als
Ensemble erhaltenswerte Substanz bewahrt. Das Ortsbild der Unterstadt ist saniert – durch
Ansiedlung von Supermärkten am Ortsrand und Industrie im Sulzfeld sowie durch die Auflösung
der kleinen Geschäfte und Gewerbebetriebe allerdings stark verändert worden. Geblieben ist die
eingangs erwähnte geostrategische Lage Stühlingens unter anderen Vorzeichen wie etwa die
Anbindung mit der digitalen Breitbandwelt. Die unmittelbare Nähe zur Schweiz mit seinen
beruflichen Möglichkeiten, die landschaftlich reich gegliederte Lage zwischen Bodensee und
Schwarzwald, die Basis zur grandiosen Wutachschlucht und nicht zuletzt das vielfältige
Vereinsleben machen Stühlingen als Wohn- und Arbeitsort sowie als touristisches Ziel attraktiv.